Die jüngste Überarbeitung des Approved Document B trat am 11. März 2025 in Kraft und verlangt von britischen Architektur- und Planungsbüros eine grundlegende Anpassung ihrer Brandschutzstrategien. Die neue Regelung ist Teil der Reaktion auf den Grenfell-Tower-Brand und arbeitet eng mit dem Building Safety Act zusammen, der eine eigene Regulierungsinstanz für Hochrisiko-Gebäude etabliert.
Zwei parallele Compliance-Pfade
Architekten müssen künftig zwischen zwei Regelwerkebenen unterscheiden. Für konventionelle Bauprojekte bleibt das überarbeitete Approved Document B die zentrale Richtlinie. Für höher-risiko Gebäude – etwa Wohnhochhäuser ab 18 Meter Höhe oder Pflegeeinrichtungen – greift hingegen ein separates Genehmigungsverfahren unter der Aufsicht des Building Safety Regulator (BSR). Die HSE führt dazu eine eigene GOV.UK-Subdomain, die Planungs- und Nachweispflichten für diese Projekte zentral dokumentiert.
Diese Zweiteilung erfordert in vielen Büros eine organisatorische Neujustierung. Projektleiter müssen bereits in der Akquisephase klären, ob ein Vorhaben unter die BSR-Zuständigkeit fällt – mit entsprechenden Auswirkungen auf Zeitplan, Dokumentationsaufwand und externe Beratungskosten.
Verschärfte Anforderungen an Fassade und Geschossdecke
Das aktualisierte Approved Document B konkretisiert Vorgaben für brennbare Baustoffe an der Gebäudehülle. Fassadensysteme müssen nun detaillierte Nachweise zur Brandausbreitung erbringen, insbesondere bei Verwendung von WDVS oder hinterlüfteten Curtain-Wall-Konstruktionen. Hersteller wie Sto SE und Saint-Gobain bieten dazu erweiterte Prüfzertifikate nach BS 8414 an, die in der Projektdokumentation vorzulegen sind.
Für tragende und raumabschließende Bauteile gelten verschärfte Feuerwiderstandsklassen. Geschossdecken in Mehrfamilienhäusern müssen mindestens REI 60 erfüllen, was bei Holzbau-Projekten häufig zusätzliche Kapselungslagen erfordert. Auch Treppenhäuser und Fluchtwege unterliegen neuen Geometrie- und Beschilderungsstandards, die in der Entwurfsphase zu berücksichtigen sind.
Auswirkungen auf BIM-Workflows und Dokumentation
Die neuen Regelungen erhöhen den Bedarf an strukturierter Datenhaltung. BIM-Modelle müssen Brandschutzklassen, Zertifikatsnummern und Herstellernachweise für jedes Bauteil enthalten. Software-Anbieter wie Autodesk und die Nemetschek Group haben entsprechende Property-Sets in ihre Lösungen integriert, die eine automatisierte Prüfung gegen Approved Document B ermöglichen.
Für Projekte unter BSR-Aufsicht kommt eine Gateway-Struktur hinzu: Planungsfreigaben erfolgen in definierten Meilensteinen, bei denen jeweils ein vollständiger Brandschutznachweis vorgelegt werden muss. Das verlängert Genehmigungszeiten um durchschnittlich vier bis sechs Wochen und erfordert eine enge Abstimmung mit spezialisierten Fire-Safety-Consultants.
Praxisrelevanz für internationale Büros
Auch Planungsbüros aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in UK-Projekten tätig sind, müssen die neuen Vorgaben in ihren Workflows abbilden. Generalunternehmer wie Balfour Beatty und Skanska UK verlangen bereits in der Ausschreibungsphase entsprechende Nachweise. Wer weiterhin mit britischen Bauherren zusammenarbeiten will, kommt um eine Schulung der Projektteams und eine Anpassung der BIM-Templates nicht herum.
Die Regeländerung zeigt, wie Katastrophenereignisse regulatorische Rahmenbedingungen dauerhaft verschieben. Während Deutschland mit der Musterbauordnung und der Schweiz mit den Brandschutzvorschriften der VKF eigene Wege gehen, setzt UK auf eine strikte Risikoklassifizierung mit behördlicher Einzelfallprüfung. Für grenzüberschreitend tätige Büros bedeutet das: Compliance-Management wird zur Kernkompetenz im Projektalltag.
Nächste Schritte für Büros
Planungsteams sollten ihre Standard-Leistungsphasen überprüfen und Gateway-Termine explizit einplanen. Zudem empfiehlt sich die Aufnahme eines Fire-Safety-Engineers in die Kernteams bei allen Hochbauprojekten ab sechs Geschossen. Weiterbildungsangebote etwa des RIBA oder der CIBSE decken die neuen Anforderungen ab und bieten CPD-Punkte für akkreditierte Professionals.
Weitere Informationen zu nachhaltigen Brandschutzkonzepten und digitaler Planungspraxis finden sich im Themenportal KI-gestützte Gebäudeplanung sowie im Artikel BIMcert: Neue Zertifizierung für BIM-Kompetenz in Österreich.