Lehm erlebt eine Renaissance im Hochbau. Mineralische Putze und Lehmsteine tauchen wieder in Leistungsverzeichnissen auf – vor allem bei Projekten, die nach DGNB-Kriterien geplant werden oder eine Kreislaufwirtschafts-Zertifizierung anstreben. Was vor zwei Jahrzehnten als Nischenthema galt, wird zunehmend zur planbaren Alternative in Wohn- und Gewerbeprojekten. Der Grund: Lehm ist rückbaubar, regional verfügbar und bindet kein CO₂ bei der Herstellung – drei Argumente, die in den aktuellen Nachhaltigkeitsbewertungssystemen Gewicht haben.
DGNB-Toolbox und Gebäuderessourcenpass befeuern Nachfrage
Die DGNB hat eine Toolbox Zirkuläres Bauen entwickelt, die unter anderem den Gebäuderessourcenpass und Zirkularitätsindizes für Bauwerke umfasst. Beide Instrumente bewerten, wie gut sich Bauteile und Materialien am Ende der Nutzungsdauer wiederverwerten lassen. Lehmbaustoffe schneiden hier deutlich besser ab als zementgebundene oder kunststoffvergütete Systeme. Sie lassen sich sortenrein trennen, vor Ort aufbereiten und ohne energieintensive Recyclingprozesse wiederverwenden. Für Bauherren, die eine DGNB-Zertifizierung in Gold oder Platin anstreben, wird die Materialwahl im Innenausbau damit zu einem relevanten Hebel.
Parallel arbeitet die DGNB mit einem Rahmenwerk für klimaneutrale Gebäude und Standorte, das den Klimaschutz operationalisiert. Ergänzend existiert ein Wegweiser Klimapositiver Gebäudebestand. Beide Instrumente rücken die graue Energie – also die Emissionen aus Herstellung, Transport und Entsorgung von Baustoffen – stärker in den Fokus. Lehm verursacht bei der Produktion nahezu keine CO₂-Emissionen, da er lediglich getrocknet oder bei niedrigen Temperaturen gebrannt wird. Im Vergleich dazu verursacht die Zementherstellung etwa 600 bis 900 kg CO₂ pro Tonne Klinker.
Verarbeitung: Trocknungszeiten bleiben Knackpunkt
Lehmbaustoffe stellen andere Anforderungen an die Bauablaufplanung. Lehmputze benötigen je nach Schichtdicke und Raumklima mehrere Tage bis Wochen Trocknungszeit. Das verlängert die Gewerkefolge im Innenausbau – ein Faktor, der in engen Terminplänen Probleme bereitet. Planer müssen längere Pufferzeiten einkalkulieren oder auf dünnschichtige Lehmputzsysteme ausweichen, die schneller abbinden. Alternativ lassen sich Lehmbausteine trocken verbauen, etwa als nichtragende Innenwände oder als Vorsatzschale vor bestehenden Wänden. Die Verarbeitung erfordert jedoch geschultes Personal; nicht jeder Trockenbauer hat Erfahrung mit Lehmmörteln oder -steinen.
Die Materialeigenschaften von Lehm – hohe Sorptionsfähigkeit, gute Raumakustik, Wärmespeicherung – bringen im Wohnungsbau funktionale Vorteile. Lehm reguliert die Luftfeuchtigkeit passiv, was den Einsatz aktiver Lüftungstechnik reduzieren kann. Gleichzeitig stellt die begrenzte Druckfestigkeit ein Limit dar: Als Tragwerk kommen Lehmsteine nur in eingeschossigen oder niedrigen Bauten infrage. Im mehrgeschossigen Wohnungsbau beschränkt sich der Einsatz auf nichtragende Innenwände und Oberflächen.
Kosten und Verfügbarkeit: Regionale Lieferketten im Aufbau
Die Kosten für Lehmbaustoffe liegen im Schnitt 20 bis 40 Prozent über konventionellen Gipsputzen oder Kalziumsilikatplatten – abhängig von Region und Produktspezifikation. Der Preisunterschied entsteht vor allem durch kleinere Produktionsmengen und spezialisierte Hersteller. Anbieter wie Knauf, Saint-Gobain oder Baumit Beteiligungs haben zwar Lehmprodukte im Portfolio, der Markt wird jedoch weiterhin von kleineren Spezialisten dominiert.
Die Verfügbarkeit variiert stark. In Regionen mit lehmhaltigen Böden – etwa in Teilen Bayerns, Thüringens oder der Schweiz – existieren kurze Lieferketten. Dort lassen sich Lehmsteine oder -putze mit geringem Transportaufwand beziehen. In urbanen Ballungsräumen ohne lokale Vorkommen steigen Logistikkosten und CO₂-Bilanz. Einige Bauherren setzen daher auf Aushublehm aus dem eigenen Bauvorhaben, der vor Ort aufbereitet und zu Stampflehm oder Leichtlehmsteinen verarbeitet wird. Das erfordert jedoch Flächen zur Zwischenlagerung und eine enge Abstimmung mit dem Erdarbeiter.
Forschung und Normung: BBSR treibt Materialstandards voran
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) betreibt Forschungsprogramme zu nachhaltigem Bauen, Baustoffen und Bauprodukten. Ein Schwerpunkt liegt auf der Standardisierung alternativer Baustoffe, um sie in die bestehenden Vergabe- und Normungsprozesse zu integrieren. Aktuell fehlen für viele Lehmprodukte noch allgemeine bauaufsichtliche Zulassungen oder harmonisierte EU-Normen. Das erschwert die Ausschreibung in öffentlichen Bauprojekten und erhöht den Planungsaufwand für bauvorlageberechtigte Architekten.
Parallel entwickeln Fachverbände wie der Dachverband Lehm Produktdatenblätter und Musterlastverzeichnisse, die Planern die Spezifikation erleichtern. Ziel ist es, Lehmputze und -steine als Standardposition in AVA-Software und Leistungsverzeichnissen zu etablieren. Erste Pilotprojekte zeigen, dass sich Lehmbaustoffe auch in größeren Wohnungsbauprojekten wirtschaftlich darstellen lassen – vorausgesetzt, die Kreislaufwirtschaft im Hochbau wird in der Gesamtkalkulation berücksichtigt und die Rückbaubarkeit als Wertfaktor anerkannt.
Ausblick: Lehm wird Bestandteil des Mainstream-Portfolios
Lehmbaustoffe dürften mittelfristig vom Nischenprodukt zur Standardoption im nachhaltigen Wohnungsbau aufsteigen. Die Kombination aus niedrigen Herstellungsemissionen, guter Kreislauffähigkeit und positiven raumklimatischen Eigenschaften deckt sich mit den Anforderungen aktueller Zertifizierungssysteme. Entscheidend wird sein, ob Hersteller ihre Produktionskapazitäten skalieren und ob Normungsgremien einheitliche technische Regeln schaffen. Parallel müssen Ausbildungsbetriebe und Meisterschulen Lehmbautechniken wieder stärker in die Lehrpläne aufnehmen, um die Verarbeitungsqualität auf der Baustelle sicherzustellen.
Für Planer und Bauherren empfiehlt sich eine frühzeitige Einbindung von Lehmbaustoffen in die Entwurfs- und Ausführungsplanung. Nur so lassen sich Trocknungszeiten, Schnittstellen zu anderen Gewerken und Kostenunsicherheiten realistisch abbilden. Wer BIM und Klimawissen konsequent einsetzt, kann Lehm bereits in der digitalen Planung hinterlegen und seine ökologischen Vorteile in Lebenszyklusanalysen transparent machen.