RIB Software, Anbieter von Bausoftware und seit 2021 Teil des französischen Energiekonzerns Schneider Electric, benennt das Personalthema beim Namen: „Wir sind dem 'war of talents' ausgesetzt", heißt es aus dem Unternehmen. Der Satz fasst zusammen, was viele Softwarehäuser und Bauunternehmen derzeit erleben – die Konkurrenz um qualifizierte Fachkräfte verschärft sich. Für RIB kommt erschwerend hinzu: Das Unternehmen muss Entwickler und Ingenieure rekrutieren, die sowohl IT-Kenntnisse als auch Baubranchenwissen mitbringen – eine rare Kombination.

Doppelte Konkurrenz: Tech-Giganten und Baukonzerne

RIB Software agiert in einem schmalen Korridor. Auf der einen Seite stehen Tech-Konzerne wie Autodesk oder die Nemetschek Group, die mit globalen Marken, höheren Gehältern und modernen Arbeitsmodellen um Entwickler werben. Auf der anderen Seite buhlen Baukonzerne wie Implenia, Vinci Construction oder Bouygues Construction um dieselben Spezialisten – Bauingenieure mit Digitalkompetenz, die BIM-Prozesse verstehen und Projekte technisch steuern können.

Die jüngste Übernahme durch Schneider Electric bringt RIB zwar finanzielle Stabilität und Zugang zu einem weltweiten Netzwerk, ändert aber wenig an der Grundproblematik: Der Markt für IT-Fachkräfte mit Bau-Know-how ist begrenzt. Laut Branchenbeobachtern suchen allein in Deutschland rund 60.000 offene Stellen in der Baubranche auf Bewerber, gleichzeitig fehlen IT-Unternehmen bundesweit geschätzte 137.000 Spezialisten. Wer beide Kompetenzen vereint, hat die freie Wahl.

Strategien gegen den Talentschwund

RIB setzt auf mehrere Hebel, um im Wettbewerb zu bestehen. Ein zentraler Punkt: die Weiterbildung interner Mitarbeiter. Das Unternehmen investiert in Schulungsprogramme, die Bauspezialisten in die Softwareentwicklung einführen und umgekehrt IT-Entwickler mit den Anforderungen von Bauprojekten vertraut machen. Diese Strategie ist langwieriger als die direkte Rekrutierung fertiger Experten, bindet dafür aber Personal langfristig an das Unternehmen.

Ein zweiter Ansatz: die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Fachhochschulen. RIB ist an mehreren Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit dualen Studiengängen präsent, in denen Studierende parallel zu ihrem Abschluss in Bauingenieurwesen oder Informatik Praxiserfahrung in Softwareprojekten sammeln. Die Hoffnung: Absolventen bleiben nach dem Studium im Unternehmen.

Drittens nutzt RIB die thematische Nische als Argument. Wer bei einem Bausoftware-Anbieter arbeitet, bewegt sich an der Schnittstelle zweier Branchen und kann direkt sehen, wie digitale Lösungen Baustellen und Planungsprozesse verändern. Für Entwickler, die nicht nur Code schreiben, sondern Projekte mit realem Impact gestalten wollen, ist das attraktiv – sofern das Gehalt stimmt und die Work-Life-Balance mit Tech-Konzernen mithalten kann.

Wo RIB im Vergleich steht

Im Vergleich zu Wettbewerbern wie Autodesk oder Allplan (ebenfalls zur Nemetschek Group gehörend) ist RIB kleiner und weniger bekannt. Das erschwert die Personalgewinnung, insbesondere bei jungen Absolventen, die eher zu etablierten Marken tendieren. Gleichzeitig hat RIB durch die Integration in Schneider Electric Zugang zu Ressourcen, die kleinere Softwarehäuser nicht bieten können – etwa internationale Karrierepfade, Cross-Training-Programme oder Projekte im Bereich Smart Buildings und Energie-Management.

Die Verbindung zu Schneider Electric öffnet zudem neue Geschäftsfelder. Die Kooperation mit Microsoft, die KI-Tools für die Baustelle hervorbringt, zeigt, dass RIB nicht nur klassische Bausoftware entwickelt, sondern zunehmend in Richtung KI-gestützte Prozesse, IoT-Integration und cloudbasierte Plattformen expandiert. Für Entwickler, die an KI-gestützter Gebäudeplanung arbeiten wollen, kann das ein überzeugendes Argument sein.

Herausforderung bleibt bestehen

Trotz aller Maßnahmen bleibt der „war of talents" für RIB Software eine Daueraufgabe. Die Baubranche digitalisiert sich, aber langsamer als andere Sektoren. Das macht Positionen in der Bausoftware-Entwicklung für viele IT-Talente weniger attraktiv als Jobs bei reinen Tech-Firmen. Zudem konkurrieren spezialisierte Start-ups im PropTech-Bereich – oft mit flacheren Hierarchien und agilen Strukturen – um dieselbe Zielgruppe.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Bauprojekte nach wie vor mit fragmentierten Datenmodellen arbeiten. Wer als Entwickler bei RIB an einer BIM-Plattform arbeitet, muss sich darauf einstellen, dass die eigene Software auf Baustellen oft nur ein Werkzeug unter vielen ist – und nicht immer vollständig integriert wird. Das kann frustrierend sein, wenn man aus einem Umfeld kommt, in dem End-to-End-Lösungen Standard sind.

RIB Software navigiert in einem schwierigen Umfeld: IT-Fachkräfte sind knapp, Baubranchenkenntnisse ebenfalls, und die Konkurrenz ist groß. Die Strategie des Unternehmens – Weiterbildung, Hochschulkooperationen, thematische Nische – ist solide, aber nicht einzigartig. Am Ende entscheidet die Frage, ob RIB als Arbeitgeber mit den Gehältern und Arbeitsbedingungen der Tech-Branche mithalten kann, ohne die Margen zu gefährden.

Quellen