Die Berner Fachhochschule (BFH) zählt zu den wichtigsten Forschungseinrichtungen im deutschsprachigen Raum, wenn es um anwendungsorientierte Entwicklung für die Baubranche geht. Mit ihren Schwerpunkten in Architektur, Holz und Bau adressiert sie konkrete Herausforderungen der Praxis – von nachhaltigen Baumaterialien über digitale Planungsmethoden bis hin zu innovativen Tragwerk-Lösungen. Doch welche Projekte stehen tatsächlich im Fokus und welche Akteure der Bauindustrie profitieren davon?
Forschungsstruktur: Drei Bereiche, ein Ziel
Die BFH organisiert ihre Forschungsaktivitäten in den Bereichen Architektur, Holz und Bau als integriertes Angebot. Die Struktur ist bewusst praxisnah konzipiert: Unternehmen, Planungsbüros und öffentliche Auftraggeber können als Partner in Projekte einsteigen oder Forschungsfragen aus ihrem Alltag einbringen. Die Hochschule versteht sich als Bindeglied zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung. Konkret bedeutet das: Entwicklungen werden nicht im Labor-Maßstab abgeschlossen, sondern bis zur Praxisreife getestet – oft in Zusammenarbeit mit Herstellern wie Holcim oder Implenia, die als Industriepartner auftreten.
Ein zentrales Merkmal der BFH-Forschung ist die Interdisziplinarität. Ingenieure arbeiten mit Architekten zusammen, Holztechnologen mit BIM-Spezialisten. Diese Verzahnung spiegelt die Realität auf der Baustelle wider, wo Fassade, Tragwerk und Haustechnik gleichzeitig geplant werden müssen. Die Schweizer Hochschule setzt dabei auf ein breites Netzwerk: Von der Material- und Bauteilprüfung über digitale Planungswerkzeuge bis hin zu Energiekonzepten deckt sie nahezu alle Phasen des Bauprozesses ab.
Holzbau: Von der Ressource bis zum fertigen Element
Der Bereich Holz nimmt eine Sonderstellung ein. Die BFH betreibt eigene Labore für Holztechnologie und -verarbeitung, in denen neue Verbindungstechniken, Oberflächenbehandlungen und Brandschutzlösungen entwickelt werden. Ein wiederkehrendes Thema: Wie lassen sich Holzbauteile so konstruieren, dass sie den Anforderungen des mehrgeschossigen Wohnbaus standhalten und gleichzeitig die Vorgaben der MuKEn 2014/2026 erfüllen?
Die Praxisnähe zeigt sich etwa in Prüfreihen zu hybriden Deckensystemen, bei denen Holz mit Beton kombiniert wird, um die Anforderungen an Schallschutz und Brandschutz zu erfüllen. Solche Geschossdecke-Lösungen sind für Bauträger entscheidend, die auf serielle Fertigung setzen. Ein weiteres Forschungsfeld: vorgefertigte Fassadenelemente aus Holz, die auf der Baustelle nur noch montiert werden müssen – ein Ansatz, der auch im Kontext serieller Sanierung im Bestand zunehmend relevant wird.
BIM und digitale Planung als Querschnittsthema
Digitale Planungsmethoden durchziehen mittlerweile alle Forschungsprojekte der BFH. Die Hochschule arbeitet mit Softwareanbietern wie Autodesk und der Nemetschek Group zusammen, um BIM-Prozesse für kleine und mittelgroße Planungsbüros zu optimieren. Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie sich Bauteildaten so strukturieren lassen, dass sie über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes nutzbar bleiben – vom Entwurf über die Ausführung bis zur Instandhaltung.
Dabei geht es nicht nur um Software-Schulungen, sondern um echte Entwicklungsarbeit: Die BFH testet beispielsweise, wie sich generative Entwurfsverfahren mit statischen Berechnungen verknüpfen lassen, um Tragwerksalternativen automatisiert zu bewerten. Solche Ansätze sind besonders für Projekte relevant, bei denen Zeit- und Kostendruck hoch sind. Die Erkenntnisse fließen direkt in die Lehre ein – Absolventen bringen aktuelles Wissen in die Büros mit. Wer sich für den BIM-Einstieg im kleinen Architekturbüro interessiert, findet in den BFH-Publikationen praxisnahe Leitfäden.
Nachhaltigkeit: Lebenszyklusanalyse und Kreislaufwirtschaft
Ein wachsender Teil der Forschungskapazität fließt in Nachhaltigkeitsthemen. Die BFH untersucht, wie sich Bauteile so gestalten lassen, dass sie am Ende der Nutzungsdauer sortenrein zurückgebaut und wiederverwendet werden können. Das Thema Kreislaufwirtschaft im Hochbau ist dabei kein theoretisches Konstrukt mehr: In Kooperation mit Unternehmen wie Eberhard Bau Schweiz werden Pilotprojekte realisiert, bei denen reversible Verbindungen und modulare Bauweisen getestet werden.
Die Hochschule verfügt über eigene Tools zur Ökobilanzierung, mit denen sich die Umweltwirkung von Materialien und Konstruktionen quantifizieren lässt. Besonders relevant ist das für öffentliche Auftraggeber, die zunehmend Nachhaltigkeitsnachweise fordern. Die BFH arbeitet hier eng mit Zertifizierungsstellen zusammen und unterstützt Planer dabei, die Anforderungen von Labels wie Minergie oder DGNB zu erfüllen. Auch die Gebäudeprogramm CH-Förderung stellt spezifische Anforderungen an die energetische Qualität der Gebäudehülle – ein Bereich, in dem die BFH mit praxisnahen Detaillösungen unterstützt.
Energieeffizienz: Von der Gebäudehülle bis zur Haustechnik
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt auf der Optimierung der Gebäudehülle. Die BFH testet Dämmsysteme, Fassaden-Konstruktionen und Fenstersysteme unter realen klimatischen Bedingungen. Ziel ist es, Lösungen zu entwickeln, die nicht nur rechnerisch, sondern auch im Betrieb die geforderten U-Werte erreichen. Dazu gehören auch Untersuchungen zu Wärmebrücken und Luftdichtheit – Themen, die in der Praxis oft unterschätzt werden, aber entscheidend für den tatsächlichen Energieverbrauch sind.
Die Hochschule arbeitet dabei mit Herstellern von Bauelementen zusammen, etwa mit Velux bei der Entwicklung von Dachfenstern mit optimierter Tageslichtnutzung oder mit Schüco im Bereich hochgedämmter Fenstersysteme. Die Ergebnisse fließen in Planungstools ein, die Architekten und Fachplaner direkt nutzen können. Für Projekte der energieeffizienten Sanierung von Bestandsgebäuden stellt die BFH zudem Checklisten und Musterlösungen bereit.
Wer nutzt die Forschungsergebnisse?
Die Zielgruppen der BFH-Forschung sind vielfältig: Kleine Architekturbüros profitieren von praxisnahen Leitfäden und Software-Tools, die ohne großen Schulungsaufwand nutzbar sind. Mittelständische Bauunternehmen setzen auf die Prüfdienstleistungen der Hochschule, um neue Produkte marktreif zu machen. Große Baukonzerne wie Implenia oder Bouygues Construction nutzen die BFH als Partner für Innovationsprojekte, bei denen es um serielle Fertigung oder digitale Bauprozesse geht.
Auch öffentliche Auftraggeber greifen auf die Expertise der Hochschule zurück, etwa bei der Ausarbeitung von Leistungsverzeichnissen oder der Bewertung von Nachhaltigkeitsstandards. Die Schweizer Bundesverwaltung setzt in ihren Bauprojekten zunehmend auf BIM-Anforderungen – ein Bereich, in dem die BFH beratend tätig ist.
Ausblick: Forschung als Innovationstreiber
Die BFH versteht ihre Rolle nicht als reine Wissensvermittlung, sondern als aktiver Impulsgeber für die Baubranche. Die enge Verzahnung von Forschung, Lehre und Praxis sorgt dafür, dass Erkenntnisse schnell in realen Projekten ankommen. Mit Blick auf die kommenden Jahre dürften vor allem Themen wie KI-gestützte Gebäudeplanung und modulare Bauweisen an Bedeutung gewinnen. Die Hochschule hat bereits angekündigt, ihre Kapazitäten in diesen Bereichen auszubauen – ein Signal, das die Bauindustrie aufmerksam verfolgt.