Die HDR GmbH hat sich im Februar 2023 vom globalen HDR-Konzern getrennt und firmiert seitdem als Telluride Architektur GmbH. Das Büro mit 150 Mitarbeitern an den Standorten Berlin, Düsseldorf und München agiert nun als eigenständiges Unternehmen, konzentriert sich auf den europäischen Markt und bleibt zugleich partnerschaftlich mit HDR Inc. verbunden. Die Unternehmensführung wurde auf fünf geschäftsführende Gesellschafter und sechs Partner erweitert. Alle bestehenden Verträge mit Bauherren, Mitarbeitern und Nachunternehmern behalten ihre Gültigkeit.
Fünf Gesellschafter, sechs Partner – neue Führungsstruktur
Die Geschäftsleitung besteht seit der Umfirmierung aus fünf geschäftsführenden Gesellschaftern: Antje Feiter, Rüdiger Haasis, Joel Hahn, Hubert Juranek und Johannes Kresimon. Ergänzt wird das Führungsteam durch sechs Partner: Maren Kreft, Kristian Lehmann, Stefani Mai, Sarai Metten, Sonja Millauer und Daniel Resch. Diese Struktur folgt einem langjährigen Prozess, der darauf abzielte, die internationalen Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit HDR Inc. für eine eigenständige Positionierung in Europa zu nutzen.
Die Neuaufstellung signalisiert eine breitere Verantwortungsverteilung als in der früheren Konzernstruktur üblich. Während bei großen internationalen Architekturnetzwerken Entscheidungen häufig in Muttergesellschaften getroffen werden, können eigenständige Büros schneller auf regionale Anforderungen reagieren – etwa bei Fassaden-Vorschriften, Vergaberecht oder Nachhaltigkeitszertifizierungen nach DGNB oder BREEAM.
Partnerschaftliche Verbindung mit HDR Inc. bleibt bestehen
Obwohl das Büro jetzt eigenständig ist, hält Telluride Architektur an der Kooperation mit HDR Inc. fest. Die Website spricht von einer „partnerschaftlichen Verbindung" und künftiger Zusammenarbeit. Diese Formulierung lässt offen, ob es sich um projektbezogene Kooperationen, Wissenstransfer oder gemeinsame Angebotsabgaben handelt. Für Kunden kann diese Konstellation Vorteile bieten: Sie erhalten Zugang zu einem europäischen Büro mit direkter Ansprechbarkeit, während im Hintergrund ein globales Netzwerk für Großprojekte oder internationale Expertise zur Verfügung steht.
Die Trennung ist in der Architekturbranche kein Einzelfall. Internationale Netzwerke wie gmp Architekten oder größere interdisziplinäre Planungsbüros stehen regelmäßig vor der Frage, wie viel Autonomie regionale Einheiten benötigen, um auf lokale Marktanforderungen zu reagieren. Verwandte Entwicklungen zeigen sich etwa bei der Umfirmierung von Lindner-Töchtern, die ebenfalls auf spezialisierte Marktansprache setzen.
Interdisziplinäres Team für ganz Europa – drei Standorte bleiben erhalten
Telluride Architektur beschreibt sich als „interdisziplinäre Gemeinschaft aus kreativen Denker:innen, Macher:innen und Spezialist:innen". Das Team aus 150 Mitarbeitern entwirft, plant, baut und berät weiterhin „für Menschen und Institutionen in ganz Europa". Die drei Standorte in Berlin, Düsseldorf und München bleiben bestehen. Diese geografische Präsenz deckt wichtige Märkte ab: Berlin als Schwerpunkt für öffentliche Bauvorhaben und Kulturbauten, Düsseldorf als Zentrum für Gewerbe- und Büroprojekte, München für hochpreisigen Wohnbau und institutionelle Bauherren.
Das Büro positioniert sich bewusst als europäischer Player, nicht als deutsches Büro mit gelegentlichen Auslandsprojekten. Diese Ausrichtung dürfte sich auch in der Akquise niederschlagen: Telluride muss sich nun ohne den globalen Markennamen HDR bei europäischen Auftraggebern beweisen, kann aber zugleich den deutschen Ingenieurs-Ruf und die Erfahrung mit komplexen Tragwerken und BIM-Prozessen ausspielen.
Vertragskontinuität und rechtliche Stabilität gesichert
Die Umfirmierung erfolgte unter Wahrung aller bestehenden Verträge. Das Unternehmen betont ausdrücklich, dass Verträge mit Bauherren, Mitarbeitern und Nachunternehmern unverändert gültig bleiben. Diese Aussage ist für laufende Projekte entscheidend: Bauherren müssen keine neuen Verträge abschließen, Architektenverträge laufen weiter, und Honoraransprüche aus laufenden Phasen bleiben unberührt. Rechtlich wurde die GmbH offenbar nicht aufgelöst und neu gegründet, sondern lediglich umbenannt – ein Verfahren, das im Handelsregister als Namensänderung eingetragen wird und die Identität der juristischen Person erhält.
Für Nachunternehmer und Fachplaner bedeutet das, dass sie weiterhin mit derselben Rechtseinheit abrechnen können. Das ist insbesondere bei größeren Gewerbe- und Büroprojekten relevant, bei denen Verträge über mehrere Jahre laufen und Zahlungsströme klar nachvollziehbar sein müssen.
Was der Schritt für die Architekturlandschaft bedeutet
Die Entscheidung von Telluride Architektur, sich vom US-Konzern zu lösen, ist Teil einer breiteren Marktdynamik. Große internationale Netzwerke haben Vorteile bei der Akquise von Großprojekten, bei der Rekrutierung von Spezialisten und bei der Investition in digitale Tools wie Autodesk-Lizenzen oder Allplan-Implementierungen. Sie sind aber oft langsamer bei Entscheidungen und stärker abhängig von zentralen Strategievorgaben.
Eigenständige Büros können schneller auf regionale Trends reagieren – etwa auf die steigenden Anforderungen an Nachhaltigkeit, auf Förderprogramme für Kreislaufwirtschaft im Hochbau oder auf die zunehmende Verbreitung von KI-gestützten Planungstools. Zugleich müssen sie sich ohne den Markennamen eines großen Netzwerks neu positionieren und Investitionen in Marketing, IT-Infrastruktur und Weiterbildung eigenständig stemmen.
Für Auftraggeber bedeutet die Entwicklung: Sie haben die Wahl zwischen der Sicherheit etablierter Netzwerke und der Flexibilität eigenständiger Büros. Telluride Architektur versucht, beide Welten zu verbinden – mit der partnerschaftlichen Verbindung zu HDR Inc. bleibt ein Netzwerk im Hintergrund, während das operative Geschäft in Europa eigenständig gesteuert wird. Ob dieser Ansatz langfristig tragfähig ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen – etwa daran, wie viele Großprojekte das Büro ohne den HDR-Namen gewinnt und ob die erweiterte Führungsstruktur Entscheidungsprozesse beschleunigt oder verkompliziert.
Kontinuität und Neuanfang zugleich
Telluride Architektur setzt auf Kontinuität in der operativen Arbeit – gleiche Standorte, gleiches Team, gleiche Verträge – und zugleich auf einen strategischen Neuanfang mit eigenständiger Marke und erweiterter Führung. Die Herausforderung wird sein, die Bekanntheit des HDR-Namens durch eigene Referenzen und Marktpräsenz zu ersetzen. Ähnliche Prozesse zeigen sich auch bei anderen Büros, die sich neu positionieren, etwa bei der Qualitätsstrategie von RKW Architektur+. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob das 150-köpfige Team den Sprung zu einem etablierten europäischen Player schafft – oder ob die Unabhängigkeit vom US-Konzern langfristig Nachteile im Wettbewerb um internationale Großaufträge bringt.